„Der Tatort ist Heimat“

Interview mit Udo Wachtveitl, erschienen in Deutsch perfekt 10/2016

Seit 25 Jahren stehen die Schauspieler Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec in den Rollen der Kommissare Franz Leitmayr und Ivo Batic für den „Tatort“ München vor der Kamera. Im Interview erklärt Udo Wachtveitl, warum die Krimireihe so beliebt ist – und was sie über die Deutschen verrät.

Herr Wachtveitl, was kann man durch den „Tatort“ über Deutschland und durch den Münchener „Tatort“ über München lernen?

Es gibt inzwischen Doktorarbeiten über den „Tatort“. Er ist ein Bilderbogen Deutschlands, seit 46 Jahren – von den Automodellen bis zu gesellschaftlichen Themen und verschiedenen Rollenbildern. Und speziell über München, da zeigen die Figuren Batic und Leitmayr dieses nicht zu verbissene, nicht zu ernste Lebensgefühl in der Stadt – die Möglichkeit, dass das Leben Freude macht.

Warum lieben die Deutschen den „Tatort“ so sehr?

An diese Frage kann man sich nur herantasten. Ein Aspekt ist sicher, dass der „Tatort“ am Anfang fast keine Konkurrenz hatte. Es gab nur zwei, drei Programme und das Fernsehen spielte eine ganz andere Rolle. Für viele Deutsche war der „Tatort“ das erste große Fernseherlebnis. Wenn man zehn oder elf Jahre alt war, durfte man ihn am Sonntagabend anschauen. Aber danach musste man sofort ins Bett. Für viele gehört der „Tatort“ zur Mediensozialisation. Er ist ein Stück Heimat und steht für Verlässlichkeit. Der „Tatort“ ist außerdem eine weltanschauliche Heimat. Er zeigt Probleme, die auf eine rationale Art behandelt werden: Die Welt ist kaputt, aber man kann sie reparieren – mit Hilfe von Menschen, die ermitteln, logische Zusammenhänge herstellen und auf diese Art für Gerechtigkeit sorgen. Man kann handeln, ist nicht ausgeliefert. Das ist die Essenz des westlich-europäischen Lebensgefühls. Und dann ist der Sonntagabend eine geniale Sendezeit. Donnerstag-, freitag- und samstagabends sind viele Leute unterwegs. Aber am Sonntag bleibt man gern zu Hause, weil die neue Woche bevorsteht. Gleichzeitig ist man entspannt und hat vielleicht Lust auf eine gut erzählte Krimigeschichte.

Sollte der „Tatort“ noch mehr aktuelle politische Entwicklungen aufgreifen, realistischer sein?

Realismus und aktuelle Themen schaden nicht, aber an erster Stelle muss eine spannende Krimigeschichte stehen. Das kann auch gerne mal ein Eifersuchtsmord sein, der weder neu, noch originell, noch gesellschaftlich relevant ist. Was nicht passieren sollte, ist eine Verseifung der Realität. Es gab vor einigen Jahren im „Tatort“ den Trend, dass Ausländer nie die Täter waren. Man dachte vielleicht, dass sie es als Minderheit schon schwer genug hätten in Deutschland. Heute ist man in dieser Hinsicht immer noch vorsichtig, was ja auch gut ist. Aber von dieser Verseifung der Realität ist man zum Glück weggekommen.

Es gibt immer mehr neue „Tatort“-Teams. Wie sehen Sie diesen Hype?

Wir Münchener Kommissare waren ja auch mal neu. Meine Meinung dazu ist einfach: Wenn’s gut ist, ist’s gut. Wenn’s schlecht ist, ist’s schlecht. Ich freue mich ehrlich über gute neue Teams. Konkurrenz ist gut für das Geschäft. Aber es besteht die Gefahr, dass die Marke „Tatort“ überdehnt wird. Man darf nicht denken, dass der „Tatort“ sowieso erfolgreich ist, und sich keine Mühe mehr machen. Die Zuschauer erwarten eine delikate Balance: Der „Tatort“ soll verlässlich und vertraut sein und gleichzeitig überraschen.

Sie sind Münchener. Haben die vielen „Tatort“-Drehs Ihren Blick auf die Stadt verändert?

Miro und ich dürfen manchmal in Räume, in die der normale Münchener nicht kommt – zum Beispiel das Innere des Olympiaturms oder das kathedralenartige Trinkwasserresevoir der Stadt. Das war wirklich toll. Wir drehen nicht immer nur auf dem bekannten Viktualienmarkt oder der Leopoldstraße, sondern auch an Orten, die man sonst nicht besuchen würde, zum Beispiel in Sozialsiedlungen im Nordwesten Münchens. Mein Bild von der Stadt ist so kompletter geworden.

Die Kommissare Batic und Leitmayr sprechen natürlich bayerischen Dialekt. Welches bayerische Wort sollte man kennen, um in München zurechtzukommen?

‚Glump‘ wäre gut. Das kann man übersetzen als „nutzloser Plunder“, „untauglicher Gegenstand“. Ein Beispiel: Beeinflusst durch die Werbung, kauft man im Baumarkt ein schlechtes Werkzeug. Später ärgert man sich, weil es nicht richtig funktioniert. Dann würde man in Bayern schimpfen: ‚So a Glump!‘ Ein sehr typischer Satz.

Werden Sie in München oft angesprochen?

Seltener als zum Beispiel in Berlin. In München werden seit hundert Jahren Filme gedreht. Da ist es nichts Ungewöhnliches, dass man jemandem aus der Filmbranche über den Weg läuft. Und mehr als in anderen Städten ist in München jeder ein bisschen der Star in seinem eigenen Film. Da braucht man keine Stars aus anderen Filmen.