Das Ritual

Essay über das TV-Phänomen „Tatort“, erschienen in Deutsch perfekt 10/2016

 

Der Sonntagabend ist anders. Er markiert das Ende des Wochenendes. Und für die meisten Deutschen bedeutet er: Morgen früh geht der Alltag wieder los. Der Wecker wird klingeln, man wird müde aufstehen und mehr oder weniger dynamisch in eine neue Arbeitswoche starten. Die Laune an diesem Abend ist manchmal nicht die beste. Diagnose: Sonntagabend-Blues. Viele Deutsche gehen dann ungern aus dem Haus. An diesem besonderen Abend sind sie nämlich schon fest verabredet. Von 20.15 Uhr bis 21.45 Uhr sitzen sie auf dem Sofa vor dem Fernseher und sehen sich den „Tatort“ in der ARD an. 90 Minuten lang schauen sie einem oder mehreren Kommissaren dabei zu, wie sie ihren Fernsehjob erledigen: Kriminalfälle aufklären – und das mit einer Erfolgsquote von fast 100 Prozent.

Nicht wenige nennen das ihr „Sonntagsritual“. Es ist einfach ein gutes Gefühl, am Alltag der fiktiven Ermittler teilzunehmen. Denn wie man selbst müssen diese Menschen arbeiten, trinken sie zu viel Kaffee, haben Ärger mit Kollegen und Chefs, streiten sich mit ihrem Partner, sind manchmal krank und vielleicht auch einsam. Irgendwie tröstend.

Dieses gute Gefühl ist natürlich nicht der einzige Grund, warum die am längsten gesendete Krimireihe im deutschen Fernsehen „das letzte große TV-Lagerfeuer“ genannt wird. 23 verschiedene Teams ermitteln in unterschiedlichen Teilen der drei deutschsprachigen Länder (siehe Seite 14). Es sind vor allem die Charaktere der Kommissare, die das Fernsehpublikum so sehr mag. Fast jeder hat ein oder mehrere Lieblingsteams. Sprechen Deutsche über die Reihe, tauschen sie diese Information ziemlich schnell aus. Das geht zum Beispiel so: „Wen magst du am liebsten? Ich finde die Kölner am besten.“ – „Die Kölner mag ich nicht so sehr. Mein Lieblings-‚Tatort‘ ist der aus Münster. Der ist immer so lustig.“

Der Münster-„Tatort“ mit Axel Prahl als Hauptkommissar Thiel und Jan Josef Liefers als Snob und Rechtsmediziner Professor Boerne ist übrigens wirklich am populärsten (siehe auch Deutsch perfekt 5/2016). Rund 13 Millionen Deutsche sehen ihn durchschnittlich an. Die Zuschauerquote liegt zwischen 35 und 37 Prozent. Das ist – man kann es nicht anders sagen – ein sensationeller Erfolg.

Das Münster-Duo kombiniert Krimi mit Komödie und Slapstick-Elementen. Inzwischen gibt es mehr „Tatort“-Teams mit einer extra Portion Humor, zum Beispiel die Kommissare Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) in Weimar. Das war nicht immer so. In den 70er-, 80er- und 90er-Jahren waren die „Tatorte“ eine ernste Sache. Aber die Krimireihe hat sich seit dem ersten Fall im November 1970 weiterentwickelt – so wie die deutsche Gesellschaft. Deshalb kann man mit den Filmen viel über den Zeitgeist des Landes lernen. Da sind zum einen die aktuellen Themen, die in die Krimigeschichten integriert werden. In den ersten Jahren waren das zum Beispiel der Kalte Krieg, der Terror der Roten-Armee-Fraktion oder die Deutsche Wiedervereinigung. Heute geht es um Attacken gegen Flüchtlinge, um Soldaten, die aus Afghanistan zurückkommen, um das Darknet und Menschenhandel.

Zum anderen sind 46 Jahre „Tatort“ eine Nostalgiereise. Besonders gut funktioniert ein Früher-heute-Vergleich bei Lena Odenthal (Ulrike Folkerts, siehe auch Interview Seite 20). Sie ermittelt seit 1989 in Ludwigshafen und ist die TV-Kommissarin mit den meisten Dienstjahren. Mit ihren älteren „Tatort“-Wiederholungen lernt man Kleidung und Technik der letzten 27 Jahre kennen.

Moderner ist auch die gezeigte Lebensrealität geworden. Es gibt zum Beispiel alleinerziehende Kommissarinnen, die Vollzeit arbeiten. Kind und Karriere? Aber natürlich, würde Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) in Hannover antworten. So wie die deutsche Gesellschaft hat sich auch der „Tatort“ emanzipiert: In den ersten acht Jahren der Reihe waren alle Kommissare Männer. Heute spielen fast so viele Frauen wie Männer mit. Das Klischee vom harten Macho-Typen findet man noch, zum Beispiel in Hamburg bei Nick Tschiller (Til Schweiger). Aber das scheint die Deutschen nicht besonders zu stören. Die Krimis sind sowohl bei Männern als auch bei Frauen populär.

Odenthal, Lindholm, Thiel, Boerne und Co., sie alle haben einen Platz bekommen in den Herzen der Fernsehzuschauer. Nur: Werden diese ihre Sympathie auch in Zukunft so großzügig verschenken? Man kennt seine Kommissare schließlich schon lange und hat an den Sonntagabenden der letzten Jahre eine Menge zusammen durchgemacht. Und jetzt kommen immer mehr neue „Tatorte“ aus allen möglichen Teilen des Landes (siehe auch Seite 24).Wenn man ehrlich ist, mag man es natürlich gerne, seine Stadt oder Region im Film zu erkennen. Aber das bedeutet nicht, dass die neuen Kommissare den Status von Lena Odenthal oder den des zweitältesten „Tatort“-Teams Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, siehe Interview Seite 22) aus München erreichen. Bleibt der „Tatort“ außerdem noch besonders, wenn immer mehr Fernsehkrimis unter diesem Label gesendet werden?

Die Fernsehreihe boomt trotzdem – nicht nur in den „Tatort“-Fanklubs. Der Krimi hilft in vielen Städten sogar Kneipenbesitzern, am Sonntagabend Menschen aus dem Haus zu locken. Schluss mit dem Blues: Statt die 90 Minuten auf dem Sofa im Wohnzimmer zu verbringen, kann man auch in die Kneipe gehen. Auf einem großen Bildschirm wird dort der Krimi gezeigt – und die Gäste sitzen glücklich vor dem TV-Lagerfeuer.

Ein noch größerer Hype um die Reihe findet heute in den sozialen Medien statt, vor allem auf Twitter. Unter #Tatort kommentieren Tausende Zuschauer live den aktuellen Fall. Mehr als 9000 Tweets pro Krimi sind inzwischen normal – so das Resultat einer Untersuchung des Bayerischen Rundfunks. Sprechen die Schauspieler den regionalen Dialekt authentisch? Ist die Handlung realistisch? Gefällt die Geschichte? Euphorisch twittern die Zuschauer über jedes Detail. Vor allem zum Finale des Films wird daraus ein richtiges Tweet-Gewitter.

Absoluter Twitter-Hit mit sensationellen 20 557 Tweets ist ein sehr extravaganter „Tatort“: ein Fall des Kommissars Felix Murot (Ulrich Tukur) in Wiesbaden mit dem Titel „Im Schmerz geboren“. Hier erinnert vieles an Shakespeare, an eine antike Tragödie – und an den Stil des US-Regisseurs Quentin Tarantino. Die Filmmusik sind ist klassisch: Kompositionen von Bach, Beethoven, Händel, Vivaldi und Verdi. Der Fall bekam viele Preise und erreichte einen Skandal-Rekord: 47 Tote!

So viel Blut wird sicher nicht zur Norm werden im deutschen Fernsehen. Aber es gilt heute eine andere Moral als in den ersten Jahren der Reihe. Ab 1981 zum Beispiel machte die vor Kurzem gestorbene Schauspieler-Legende Götz George als Duisburger Kommissar Horst Schimanski das Wort „Scheiße“ im TV salonfähig. Vergleicht man das mit dem heutigen Rambo-Kommissar Nick Tschiller in Hamburg, muss man fast ein bisschen lächeln.

Fest steht: Der „Tatort“ ist ein Spiegel der deutschen Gesellschaft. Er lernt, adaptiert, und manchmal polarisiert er. Aber trotz der vielen Veränderungen, die es seit 1970 gegeben hat, ist die Krimireihe eine wunderbare Konstante geblieben – im deutschen Fernsehen und in der deutschen Wochenstruktur. Vielleicht ist das ein Teil des Erfolgsrezepts: die Kombination von Aktuellem und Bekanntem, von Neuem und Nostalgie. Da überrascht es nicht, dass die 1000. Folge, die Ende dieses Jahres gesendet wird, den Namen der allerersten „Tatort“-Episode trägt: „Taxi nach Leipzig“.

Und eine Sache hat sich in den letzten 46 Jahren fast gar nicht geändert: der Vorspann. Die laute Musik, die hellen blauen Augen, die laufenden Beine auf dem nassen Asphalt. 32 Sekunden, die zu einem Denkmal im deutschen Fernsehen geworden sind. Zu sehen ist der damalige Schauspieler Horst Lettenmayer. 400 Deutsche Mark, das sind etwas mehr als 200 Euro, hat er 1969 für den Job bekommen. Jahre später hat Lettenmayer die ARD verklagt. Sein Argument: Der Vorspann wird so oft im Fernsehen wiederholt, dass er mehr Geld bekommen will. Lettenmayer hat den Prozess verloren.